Dänemark ist anders

16.12.2013

Wissenwertes über Handel und Kulturunterschiede in 10 Lektionen  (Teil 2/5)

2. Unternehmen - Formen und Förmlichkeiten

In Dänemark gibt es im großen und ganzen die gleichen Gesellschaftsformen wie in Deutschland, allerdings mit einigen Abweichungen.

 

Die weitaus häufigste Gesellschaftsform ist die ApS (anpartsselskabet), die der GmbH entspricht und mit einem Mindeststammkapital von 80.000 DKK (ca. 10.800 €) ausgestattet sein muss (das ApS-Gesetz in deutscher Sprache ist hier abrufbar). Der deutschen Aktiengesellschaft entspricht die A/S (aktieselskabet), deren Mindeststammkapital 500.000 DKK (ca. 67.200 €) beträgt (das A/S-Gesetz in deutscher Übersetzung findet sich hier).

 

Kapitalgesellschaften können neuerdings wählen, ob sie das in Deutschland bekannte Leitungssystem bevorzugen, also mit einer Geschäftsleitung ("direktion") und einem separaten Kontrollorgan ("tilsynsråd"), oder wie bisher, wonach der Aufsichtsrat ("bestyrelse") übergeordnetes Leitungsorgan ist, das auch die Gesellschaft nach außen vertritt (ohne die nach unserem Verständnis zwingend strenge Trennung zwischen Geschäftsführung einerseits und Kontrolle andererseits). Die früher für beide Gesellschaftsformen zwingende Prüfungspflicht der Jahresabschlüsse durch einen Vereidigten Buchprüfer (registreret revisor) oder Wirtschaftsprüfer (statsautoriseret revisor) ist inzwischen erheblich gelockert worden. Das Gesetz über den Jahresabschluß (entsprechend dem Dritten Buch des Handelsgesetzbuchs, HGB) mit den näheren Informationen dazu findet sich in deutscher Übersetzung online hier.

 

Der deutschen BGB-Gesellschaft entspricht die dänische I/S (interessentselskabet), die sich häufig bei Grundbesitzgesellschaften findet. Schließlich gibt es auch die K/S (kommanditselskabet), mit der deutschen Kommanditgesellschaft vergleichbar, allerdings seltener in der Form der GmbH & Co. KG, also mit einer ApS als Komplementärin.

 

Trotz aller Ähnlichkeiten im äußeren gibt es große Unterschiede im inneren: Unternehmensaufbau und Führungsmethoden sind in Dänemark sehr verschieden von dem hierzulande bekannten. Dänische Hierarchien sind sehr flach, häufig kaum wahrnehmbar. Entschieden wird auf rationaler Grundlage nach gemeinsamer Diskussion. Mitarbeiter (auch Sekretärinnen) haben große Bereiche, in denen sie eigenverantwortlich tätig sind. Deutsche Strukturen werden in Dänemark als einengend und bevormundend empfunden. Die in Deutschland großartig diskutierte "Work-Life-Balance" ist dort längst Realität. Die Tochter aus dem Kindergarten pünktlich abzuholen ist wichtiger als den Liefervertrag heute fertig zu verhandeln - ist doch selbstverständlich!

 

Dänemark hat im europäischen Vergleich eine traditionell niedrigen Arbeitslosenquote. Dies verwundert auf den ersten Blick, da es eben ein dem deutschen Kündigungsschutzgesetz vergleichbares Gesetz nicht gibt. Kündigungen sind im wesentlichen ohne nähere Begründung möglich (allerdings für Angestellte mit deutlich längerer Kündigungsfrist als hierzulande, in der Regel drei Monate). Das System gleicht dem amerikanischen "hire and fire", allerdings mit umfassender sozialer Absicherung für Arbeitslose. Der Arbeitsmarkt ist sehr flexibel ist; Arbeitnehmer wissen, daß sie sich anpassen und fortbilden müssen.

 

3. Alles ist öffentlich

Generell gilt, daß in Dänemark so zahlreiche Informationen in öffentlich zugänglichen Registern verfügbar sind, daß es deutschen Datenschützern den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde. So sind z. B. eingehende Informationen über sämtliche Grundstücke (Größe, Bebauung, Bauqualität, steuerlicher Schätzwert) einschließlich Luftfotografie des Anwesens im Internet hier für jedermann abrufbar. Grundbücher sind öffentlich ohne Nachweis eines rechtlichen Interesses zugänglich, sogar online.

 

Jeder Däne erhält nach seiner Geburt eine sogenannte Personenkennziffer, deren ersten sechs Ziffern das Geburtsdatum und die letzten vier Ziffern eine laufende Nummer enthalten, die männliche Bevölkerung eine gerade Zahl, die weibliche Bevölkerung ungerade. Ausländer erhalten ebenfalls eine Personennummer, sobald sie in Dänemark ansässig werden. Unter dieser Personennummer werden sämtliche persönlichen Informationen in den (zahlreichen!) verschiedenen Registern gespeichert; Querverweise der Datenbanken sind dadurch ohne Mühe möglich und werden mutmaßlich auch gezogen. Für Dänen ein natürlicher Vorgang, für Deutsche ein eklatanter Eingriff in das Persönlichkeitsrecht. Müßig festzustellen, dass es ein Bankgeheimnis in unserem Sinne in Dänemark nicht gibt. Im Gegenteil: Die Banken sind berechtigt und verpflichtet, sämtliche Zinseinnahmen und Kontobewegungen ihrer Kunden zum Jahresende automatisiert in elektronisch lesbarer Form dem zuständigen Finanzamt mitzuteilen. Da auch alle Arbeitgeber verpflichtet sind, die Löhne ihrer Mitarbeiter zu berichten, wird die Einkommensteuererklärung für Arbeitnehmer vom Finanzamt fix und fertig vorbereitet. Nur wenn wider Erwarten Änderungen oder Ergänzungen erforderlich sein sollten, kann und sollte der Steuerbürger dies mitteilen; dies geschieht entweder per PC oder über das Telefon (auch im letzteren Fall nicht mündlich, sondern über die Zifferntastatur).

 

Alle im zentralen Handelsregister eingetragenen Unternehmen haben eine Unternehmensnummer (Central Virksomheds Register - CVR-Nummer), die auf dem Briefpapier und auf Rechnungen angegeben sein muß. Da Unternehmen auch unter sogenannten Beinamen ("binavne") auftreten dürfen, sollte stets auf die richtige CVR-Nummer geachtet werden.

 

Alle Unternehmen sind verpflichtet, ihre geprüften Jahresabschlüsse innerhalb eines Monats nach Feststellung, spätestens sechs Monate nach Ende des Geschäftsjahres beim zentralen dänischen Handelsregister (Erhversstyrelse - offizieller Name "Gesellschaftsamt") einzureichen. Geschieht dies nicht, erhalten alle Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats Bußgeldbescheide. Wird der Abschluß innerhalb der Nachfrist dann immer noch nicht eingereicht, wird die Gesellschaft ohne viel Federlesen im Register gestrichen. Dementsprechend stehen über das Handelsregister stets die aktuellen Jahresabschlüsse der Unternehmen (mit größenabhängigen Erleichterungen) zur Verfügung. Diese Informationen können und sollten eingehend genutzt werden, um sich Einblick in die ökonomische Situation eines Vertragspartners oder Konkurrenten zu verschaffen. Sowohl die aktuellen Handelsregisterauszuüge wie auch die Jahresabschlüsse können online hier bezogen werden. Man gibt unter "Virksomhedsnavn" (= Gesellschaftsname) den Namen der gesuchten Gesellschaft ein und erhält sofort kostenlos die Adresse, Branche und ungefähre Zahl der Mitarbeiter. Für 32 DKK (ca. 4,30 €) lässt sich der vollständige Handelsregisterauzug abrufen, für 37 DKK (ca. 5€) der letzte eingereichte Jahresabschluß (beides kann per Kreditkarte bezahlt werden).